Geschichten

  

Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen,
Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge.“
Wilhelm Busch (deutscher Zeichner und Dichter, 1832–1908)

 

Der italienische Conte
In Italien kursiert die Geschichte von einem Grafen, der sehr alt wurde, weil er ein Lebensgenießer par excellence war. Niemals verließ er das Haus, ohne sich zuvor eine Handvoll Bohnen einzustecken. Er tat dies nicht etwa, um die Bohnen zu kauen. Er nahm sie mit, um so die schönen Momente des Tages bewusster wahrnehmen und um sie besser zählen zu können.
Für jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte – zum Beispiel eine nette Konversation auf der Straße, das Lächeln seiner Frau und Lachen seiner Kinder, ein köstliches Mahl, eine feine Zigarre, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, ein Glas guten Weines – kurz: für alles, was die Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Manche Begebenheit war ihm gleich zwei oder drei Bohnen wert. Abends saß er dann zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er zelebrierte diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war und freute sich des Lebens. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, war der Tag gelungen, hatte es sich zu leben gelohnt.
(aus: Horst Conen, Optimisten brauchen keinen Regenschirm, Ariston Verlag, Kreuzlingen 1996)



„Das Einmachglas der Prioritäten“
Vor einigen Jahren erteilte ein Professor einer sehr renommierten US-Handelshochschule seinen Studenten eine höchst aufschlussreiche Lektion in Sachen Volkswirtschaft. Ohne ihnen zu erklären, was er vorhatte, stellte er ein großes Einmachglas auf seinen Tisch. Dann zog er eine Tüte voller Steine hervor und legte einen nach dem anderen in das Glas, bis keiner mehr hineinpasste. „Ist das Glas jetzt voll?“, fragte er seine Studenten. „Ja“, antworteten sie.
Lächelnd zog der Professor eine zweite Tüte unter seinem Schreibtisch hervor. Darin befanden sich lauter Kieselsteine. Er schüttete auch die kleinen Steinchen ins Glas, und sie verteilten sich in den Zwischenräumen der großen Steine. Ein zweites Mal fragte er seine Studenten, ob das Glas denn jetzt voll sei. „Nein“, antworteten sie, langsam begreifend. Sie hatten natürlich Recht, denn der Professor hatte noch eine dritte Tüte voller feinem Sand, der auch noch in das Glas passte. „Ist das Glas jetzt voll?“, fragte er zum dritten Mal. „Wie wir Sie kennen, wahrscheinlich nicht“, erwiderten die Studenten.
Lächelnd ergriff der Professor einen Krug und goss Wasser in das Glas. Als es wirklich voll war, wandte er sich an seine Studenten und fragte: „Was lehrt euch das?“ Eifrig meldete sich ein Student zu Wort und sagte: „Ganz gleich, wie eng der Zeitplan auch sein mag, man kann immer noch mehr hineinpressen.“ Schließlich studierte er an einer berühmten Handelshochschule. „Nein!“, donnerte der Professor. „Dies beweist etwas ganz anderes: Wenn man große Steine hineintun möchte, sollte man das als Allererstes tun.“ Es war eine Lektion über Prioritäten.
(aus: Ajahn Brahm, Die Kuh, die weinte. Buddhistische Weisheiten über den Weg ins Glück, Lotos Verlag, München 2004).